Gedenkrede für Konrad Sommer
[Otto Reuter – Ick wundere mir über jarnischt mehr]
Liebe Frau Sommer, liebe Tanja, liebe Petra und liebe Nancy, werte Trauergäste,
wahrscheinlich sehen Sie ihn alle jetzt in diesem Moment vor Ihren inneren Augen – Ihren lieben Konrad, wie er hier zwischen Ihnen steht und wie immer aus voller Kehle, perfekt textsicher und mit einer fabelhaften Singstimme genau dieses Lied schmettert.
Wenn du könntest, Konrad, würdest du wahrscheinlich sogar heute tatsächlich hier stehen und mitsingen – denn schließlich warst du in jeder Lebenslage zu Scherzen aufgelegt und hast wirklich niemals deine gute Laune verloren!
Mit Sicherheit gibt es unter den hier heute Anwesenden niemanden, dem du im Laufe deines Lebens nicht einmal einen Streich gespielt, den du nicht wenigstens einmal ausgetrickst oder zum Lachen gebracht hast – oder mit dem du irgendeinen Blödsinn angestellt hast.
Verrückte Geschichten kursieren ja genug – etwa wie du zu deinem Geburtstag mit einer Schleife um den Arm mit dem Rad über die LPG gefahren bist und allen zugerufen hast: „Gratuliert mir, ich habe Geburtstag!“
Oder wie du mit deinen Freunden in Ermangelung einer Kaffeemühle die guten West-Kaffeebohnen einfach im Ganzen gegessen und heißes Wasser dazu getrunken hast – ist ja auch fast Kaffee…
Die Jüngsten der Familie erinnern sich dafür an deine kleinen Zaubertricks, bei denen du immer ein Geldstück verschwinden liest, oder dass du sie immer hast glauben machen, es gäbe Hanghühner und Hangkühe – mit einem langen und einem kurzen Bein! Und über diesen einen aus dem Unterdorf hast du immer gesprochen – „Den kennst du auch, der hat auf der linken Seite nur einen Arm!“
Irgendwas hast du immer ausgeheckt! Du warst eben ein Urgestein dieses Ortes – hast hier so viel miterlebt, aber auch mitgestaltet. Du hast diesen Ort geliebt und auch all seine Bewohner! Denn du warst nicht nur lustig, du hattest auch ein unglaublich großes Herz.
Wenn du doch sehen könntest, wie viele Gäste heute dir zu Ehren erschienen sind! Nicht umsonst sind sie hier, denn sie wissen, wie freundlich, hilfsbereit und uneigennützig du warst! Wo auch immer du gebraucht wurdest – von der eigenen Familie, von Nachbarn oder Freunden – sofort hast du deine eigene Arbeit niedergelegt und dich ohne viel Gerede auf den Weg gemacht.
Du warst ein echter Möglichmacher – bescheiden und praktisch, herzlich und aufrichtig – und immer für andere da!
Mit deinem Können und Wissen konntest du so viele Menschen unterstützen und so viel Schönes erschaffen. Etwa in handwerklichen Bereichen, wo du Freunden beim Hausbau geholfen hast, oder wo unter deinen geschickten Händen Hundehütten, Volieren und Vogelhäuschen entstanden.
Genauso konntest du Fahrräder reparieren und sehr akkurat gärtnern. Was auch immer du anfasstest – du tatest die Arbeit mit Liebe, nahmst dir Zeit – und so wurde alles exakt und wunderschön.
Und das ist nicht übertrieben, denn schließlich beschränkten sich deine Fähigkeiten nicht auf das klassische Handwerk. Du hattest auch das Talent zu sehr feinen und filigranen Arbeiten – du konntest unglaublich beeindruckend malen, auch Plakate entwerfen und mit den verschiedensten Schriftarten gestalten. Für die Kleinen hast du ebenso Papierflieger oder Blumen gefaltet.
Nur, wie deine Familie so diplomatisch sagt: „Beim Kochen konnte er keine Pluspunkte sammeln, dafür hat es ihm immer geschmeckt!“ Na bitte, das ist doch auch gut – und obendrein ein Kompliment für die liebe Frau.
Du warst schon vielseitig genug – und man kann ja schließlich nicht alles können... Mit deinem großen Wissen hast du zum Beispiel auch den Kindern und Enkeln immer in der Schule geholfen.
Deine Paradedisziplin war Geschichte – da konntest du alles erzählen und erklären. Genauso gut konntest du aber auch in den Naturwissenschaften wie Physik oder Deutsch aushelfen – nicht umsonst hattest du selbst als Schüler in Deutsch immer eine Eins auf dem Zeugnis.
Und wenn du tatsächlich mal etwas nicht wusstest, hast du dir erst recht Zeit genommen und hast zusammen mit Kindern und Enkeln in deinen Büchern nachgelesen.
Und waren die Aufgaben erledigt, dann hast du mit den Sprösslingen Spiele gespielt, Bücher angeschaut, so vieles von der Welt erklärt – und einfach die besten Geschichten erzählt; da kanntest du so viele und ganz sicher alle aus diesem Ort, denn schließlich hast du sie von Kindesbeinen an alle miterlebt.
An dem Tag, an dem du geboren wurdest, hatte das Land den Krieg gerade erst fünf Jahre lang hinter sich gelassen – alle hatten ein schlichtes Leben. Jedoch war es mitten im August – ein heiterer Sommertag, die Getreideernte war beinahe geschafft und auf den Feldern standen die Kartoffeln und Zuckerrüben.
Es war eine Landschaft, die du bald in- und auswendig kennen und auch selbst mitgestalten solltest… Doch solange du klein warst, saßt du mit deiner fast gleichalten Schwester Mona am Feldrand auf einer Decke beim Spiel, während eure Eltern Alma und Andreas arbeiteten. Zu dieser Kindheitserinnerung gehörte für dich auch das Mittagessen aus Kartoffelbrei, Sauerkraut und Blutwurst.
Du hattest eine Dorf-Kindheit wie sie im Buche steht! In den Sommern vergnügtest du dich mit deinen Freunden im Freibad oder bei Spielen wie Völkerball und Räuber und Gendarmen.
Im Winter ging es zum Schlittschuh und Skifahren oder Eishockeyspielen. Und wie es auch so viele Generationen vor und nach dir erlebten: Wenn um sechs Uhr abends die Kirchturmglocke läutete, hieß es, es war Zeit heimzugehen!
Ein Mann im Dorf, der gute Friedrich Hase, hatte zu der damaligen Zeit sogar schon einen kleinen Fernseher und stellte für euch Kinder Bänke in sein Wohnzimmer, damit ihr alle zusammen die „Flimmerstunde“ sehen konntet.
Aber bald schon war es vorbei mit der ausschließlich freien Zeit – und es galt mit anzupacken: im Sommer bei der Ernte zu helfen und obendrein die Pferde, Kühe, Schweine und Hühner zu versorgen. Deine vier Halbschwestern Tilda, Ingeborg, Gudrun und Elisa waren bereits erwachsen und du der einzige männliche Nachfolger im Haus.
Wen wundert es, dass du deiner Verantwortung nachkamst, quasi in die Fußstapfen deines Vaters tratst, und nach Abschluss der achten Klasse eine Ausbildung als Traktorist und Landwirt in der Pflanzenproduktion begannst - bei der du lerntest alle erdenklichen Maschinen zu fahren.
Kurz vor dem Ende deiner Lehrzeit und dem Beginn deines Arbeitslebens traf dich ein Schicksalsschlag, der dich zusätzlich zwang von heute auf morgen erwachsen zu werden: Du musstest deine Mutter für immer verabschieden – der Hafen deines ersten Wortes „Mama“ und deine erste Quelle der Liebe…
Doch, lieber Konrad, manchmal liegen Leid und Freud ja tatsächlich so nah beieinander – und das Schicksal meinte es gut mit dir, denn es schenkte dir schon ganz bald – nur ein Jahr später – eine neue, wunderbare Quelle der Liebe, nämlich deine liebe Anne, die dir dein ganzes Leben lang eine treue Begleiterin sein sollte!
Ihr zwei lerntet euch ganz klassisch auf dem Tanzboden kennen… und traft euch fortan jedes Wochenende auf dem Saal wieder, bis euch klar wurde, dass ihr ein unwahrscheinliches Glück hattet – denn ihr hattet ihn tatsächlich schon in so jungen Jahren gefunden – den richtigen Menschen zu eurem Leben!
[Musik]
Nur zwei Jahre später feiertet ihr eine kleine, feine und heimliche Frühlingshochzeit; es war ein freundlicher Tag im April, als ihr euch in Begleitung deiner Schwester und Annes Vater in Elsterwerda auf dem Standesamt einfandet. Es gab ein Essen im Weißen Ross und am Abend gingt ihr schließlich mit euren besten Freunden zum Tanz.
Und das ist wirklich romantisch – es war ein Tag nur für euch; ohne künstliche Verpflichtungen, ohne fremde Erwartungen. Die wahre Liebe braucht schließlich auch keinen lauten Applaus und viele Zuschauer, um sich zu feiern. Sie genügt sich völlig selbst.
Und dass es die große Liebe war, das habt ihr euch oft genug bewiesen: Du warst immer ein liebevoller, niemals nachtragender und großzügiger Ehemann, der obendrein niemals den Hochzeitstag vergessen hat. An diesem, eurem besonderen Tag fand Anne immer einen wunderschönen Strauß frische Blumen auf dem Tisch!
Dabei wurde euch der Anfang gar nicht so leicht gemacht. Kaum hattest du den Ring am Finger, wurdest du für eineinhalb Jahre zur Armee geschickt – ganz schön frech von denen! Aber immerhin bekamst du genug Urlaub; und wenn dieser mal nicht lang genug war, dann hast du auch schon mal – bedauerlicherweise – den letzten Zug verpasst und dich erst am nächsten Tag zurückgemeldet.
Euer Glück wurde schließlich perfekt mit der Geburt eurer ersten Tochter Tanja, fünf Jahre später schenktet ihr der Kleinen ihr Schwesterchen Petra; und wiederum drei Jahre später komplettierte Nancy eure glückliche Familie.
Wie engagiert du als Vater warst, davon haben wir bereits erzählt. Und obendrein wolltest du auch gar nicht streng sein. Deine Mädchen genossen das gleiche freie und wilde Dorfleben wie du als Kind.
Und wenn sie die Kirchturmuhr „aus Versehen“ mal überhört hatten, weil es draußen mit den Freunden einfach so herrlich war, und die Mama schimpfen wollte, weil sie viel zu spät waren, sagtest du nur: „Ach, lass sie doch…!“ Du hattest eben nicht vergessen, wie es war ein Kind zu sein.
Dabei hattest du so viel Verantwortung auf deinen Schultern! In dem Jahr, als eure Jüngste geboren wurde, begannst du die alten Stallanlagen zusammen mit Freunden und unglaublich großem Engagement zu einem neuen Wohnhaus für deine Familie auszubauen – zwei Jahre später konntet ihr einziehen.
Auch die Arbeit verlangte dir sehr viel ab – vor allem während der Erntezeit. In aller Frühe musstest du los; erst sehr spät am Abend kehrtest du nach einem unglaublich anstrengenden Tag wieder heim – deine Kinder sahen dich dann manchmal wochenlang nicht.
Und genau wie auch sonst in deinem Leben, war auch bei der Arbeit immer auf dich Verlass. Auch dort warst du sehr genau – deine Felder wurden am schönsten, deine Kartoffeldämme immer am geradesten. Und alle bewunderten dich heimlich und sagten: „Das kann nur Konrad!“
Nach der Wende warst du zwei Jahre als LKW-Fahrer in Nachtschicht tätig. Aber das tat dir überhaupt nicht gut – du warst erschöpft, sahst deine Familie kaum… Und entschiedst dich darum für eine Anstellung in der hiesigen Baumschule.
Fragt man deine Liebsten, was du dort gemacht hast, sagen sie: „Alles! Die Saatguternte, die Aussaat, Pflanzentransport, das Vorbereiten der Äcker…“ Mit allem kanntest du dich aus! Die Arbeit war abwechslungsreich, machte dir Freude und so bliebst du bis zur Rente.
Und obwohl du deinem Heimatort ja so unglaublich eng verbunden warst, wagtest du es dennoch, ihn hin und wieder für ein paar Tage im Jahr zu verlassen: Dann fuhren deine Anne und du am liebsten nach Österreich, in die Berge, gerne in Begleitung eurer Jugendfreunde Gerda und Heinrich. Und dort ging es durchaus sportlich zu! Wanderungen von 30 Kilometern waren keine Seltenheit.
Und so sehr du das Bergpanorama der Alpen zu schätzen lerntest… Anne erinnert sich, dass das Auto auf dem Heimweg auf den letzten Kilometern immer und immer schneller wurde, denn du konntest es kaum erwarten nach Hause zu kommen. Für dich war das Heimkehren tatsächlich schöner als das Aufbrechen.
Anne glaubt sogar, dass du genauso zufrieden gewesen wärst, wenn ihr gar nicht verreist wärt. Aber wahrscheinlich war es doch gut, dass du dich noch ein wenig umgeschaut hast, um das besser einschätzen zu können. So besuchtet ihr Teneriffa und Griechenland – und du konntest beruhigt sagen: Das hab ich jetzt einmal gesehen – das reicht…
Und ehrlich, Konrad, du hattest ja auch einen hervorragenden Grund zu Hause zu bleiben – nämlich deine geliebten Enkel: Ariane und Madeleine, Danilo und Lena, und schließlich Saba. Sie alle hast du gleichermaßen geliebt, alle hast du immer nach Kräften unterstützt und jeder von ihnen hat seine eigenen, dankbaren und liebevollen Erinnerungen an dich.
Als Ariane sich einen Hund wünschte, hast du für diesen eine Hütte und einen Zwinger gebaut; außerdem hast du ihr enorm bei dem Umzug von Stuttgart zurück in die Heimat geholfen.
Wenn Madeleine mal Ausfall in der Schule hatte, hast du sie selbstverständlich mit dem Auto abgeholt; als sie schließlich selbst ihren Führerschein hatte, hast du ihr wertvolle Tipps gegeben.
Danilo wiederum durfte unter deiner wohlwollenden Aufsicht mit dem Traktor fahren. Und ihr zwei sagtet stets übereinander, ihr seid die besten Freunde!
Mit allen Enkeln machtest du außerdem gerne Ausflüge, wie in den Saurierpark nach Kleinwelka. Und in jedem Fall war dein Auto ausreichend mit Proviant bestückt. Deine Enkel erinnern sich einmütig an deinen Vorrat aus kleinen Trinkpäckchen, Gummibärchen, Werthers Echte und Storck Riesen, von dem du natürlich auch selbst Gebrauch machtest. Erstens warst du selbst ein Schleckermaul und zweitens musste man die süßen Sachen auch dem Verzehr nicht kochen!
Und natürlich, lieber Konrad, liebtest du die nächste Generation kleiner Wunder, deine Urenkel, ganz genauso sehr wie alle anderen Kinder davor. Die kleine Maria, die dich immer aufmuntern kam, als du krank warst, ebenso Emilia und Lilly, die mit dir begeistert „Santo Domingo“ sang – und schließlich den klitzekleinen Leander. Auf sie alle warst du stolz; für sie alle hättest du alles gegeben.
Aber irgendwann war auch deine Kraft – die doch immer für alle gereicht hatte – zu Ende! Nun war es an deiner Anne, der treuen Seele, dich zu versorgen und zu pflegen. Genau so, wie ihr es euch einst versprochen hattet – „in guten wie in schlechten Zeiten“ stand sie dir zur Seite und sagte: „Solange ich das kann, mache ich das auch!“ Das ist wahre Liebe!
Genau wie auf deine Frau, konntest du dich auf deine gesamte Familie verlassen. Und sie alle kamen auch, um sich von dir zu verabschieden. Ungläubig, dass es tatsächlich an der Zeit dafür war, denn immer warst du so stark gewesen, hattest dich schon mehr als einmal ins Leben zurückgekämpft, aber nun war es doch Zeit loszulassen.
Und dass sich tatsächlich alle an deinem Bett einfanden – die ganze große Familie – ist wohl die größte Ehre, die einem Menschen zuteilwerden kann. Was kann man sich mehr wünschen, als eine Familie, die einem aufrichtig dankbar ist, die bis zum letzten Atemzug zu einem hält und einen spüren lässt, wie unglaublich wichtig man für sie ist? So etwas kann man nicht in Gold aufwiegen.
Konrad, vorletzten Sonntag saßt du noch an deinem Tisch und löstest Kreuzworträtsel – und deiner Familie scheint es beinahe so, als würdest du noch heute dort sitzen und nur darauf warten, dass sie zur Tür hereinkommen. Aber wie du selbst zu deinen Liebsten sagtest: „Wir sehen uns wieder! Aber nicht hier unten, sondern da oben.“
Und solange, lieber Konrad, sollen sie sich immer daran erinnern, was du ihnen beigebracht und vorgelebt hast: Das Füreinander-da-Sein und -Einstehen, deine Aufrichtigkeit, Bescheidenheit und Herzlichkeit. Dein höchstes Gut war niemals Materielles, sondern immer deine Heimat und vor allem deine Familie – denn schließlich ist sie das, wo das Leben beginnt und die Liebe niemals endet.

